Liebe Leser*innen,
stünde der Stadtbibliothek Euskirchen ein Musikkorps während meiner Verabschiedung zur Seite, so würden deren Instrumente heute die Töne von AnnenMayKantereits „Tommi“ durch die Gebäudegänge tragen.

Kein anderes Lied steht für die fünfmonatige Praxissemesterzeit namentlich so sehr Pate, wie das der Pop-Rockband aus Köln. Denn mehrere Monate hinweg prägte der „TOMMI – Kindersoftwarepreis 2023“ meinen Alltag in der Stadtbibliothek. So begleitete ich zum Beispiel die Kinderjury beim Testen und Bewerten der nominierten Spiele. Bevor jedoch die jungen Juroren aktiv mit der Testphase im Herbst beginnen konnten, galt es zuerst die Spiele herunterzuladen, auf den Konsolen, Notebooks und Tablets zu installieren, Level freizuschalten, Bewertungsbögen zu drucken, Roboter zu verschrauben oder T-Rex-Skelette zusammenzustecken. Nicht jede medienpädagogische Arbeit ist also für außenstehende direkt sichtbar und mit einigen verborgenen Vorbereitungen verbunden.
Schnell wurde einem bewusst, dass es für die Veranstaltungsgestaltung unablässig ist, sich selbst einen Überblick über die Speicherfunktionen, Spielsteuerungen und Ziele der Spiele zu verschaffen. Zum einen, um die Heranwachsenden bei (spieltechnischen) herausfordernden Szenarien stets Rat gebend unterstützen zu können. Zum anderen, um die anregenden Spieldiskussionen der Kinderjury, die sie zeitweise untereinander führten, adäquat zu begleiten – und immer wieder daran zu erinnern, die eigene Meinung genauso offen und begründet in der schriftlichen Spielebewertung wiederzugeben.

Ein weiteres medienbildendes Programm der Stadtbibliothek, welches ich über längere Zeit mitbegleitete, war die Informationskompetenz-Unterrichtseinheit „Fit for Life“ für die Sekundarstufe I. In verschiedenen Einheiten befassten wir uns, ganz im Sinne des Medienkompetenzrahmen NRW, mit Themenbereichen wie „Informieren und Recherchieren“ oder „Medienproduktion und Präsentation“. Durch die kollegiale Vorbereitung der Kurseinheiten erwarb ich nebenbei selbst noch Wissen über die Systematik öffentlicher Bibliotheken sowie die Signatur von Büchern.
Den Rahmen des Medienbildungsangebotes nutzte ich zugleich für mein Praxisprojekt, indem ich zwei Kurseinheiten zum Thema „Desinformationen“ (sog. „Fake News“) für die Schüler*innen gestaltete. Dabei haben wir uns der Thematik unter anderem mit den beiden digitalen Spielen (sog. Serious Games) „Facts & Fakes 2“ und „Fake It To Make It“ angenähert, um etwa die Qualität von Informationen selbst abschätzen zu können oder versteckte Motivationen hinter der Verbreitung von Fake News zu ergründen.
Durch meine Praxiszeit hier in der Stadtbibliothek Euskirchen habe ich den Bibliotheksbereich erstmals als großes, aktives und innovatives Einsatzgebiet der Medienpädagogik wahrgenommen. Aber nicht umsonst gehört der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur die Fachgruppe „Medienpädagogik in Bibliotheken“ an, welche sich beispielsweise mit inhaltlichen Schwerpunkten wie „Professionalisierung der medienpädagogischen Arbeit in Bibliotheken“ oder mit der „Einbindung von Medienpädagogik in der Ausbildung von Bibliothekar*innen und FAMIS“ befasst. Es wurde deutlich, dass medienpädagogisches Handeln zunehmend als elementarer Bestandteil von Bibliotheken zu betrachten ist.

Das Bibliothekswesen habe ich als medienpädagogisches Handlungsfeld für mich entdeckt. Ich kann es mir gut vorstellen, zukünftig meinen Fokus als Medienpädagoge auf dieses Aufgabengebiet zu richten. Einer der Aspekte, die ich daran besonders faszinierend finde ist, dass medienpädagogische und medienbildende Bibliotheksangebote für Menschen jeglichen Alters – Kinder, Jugendliche, Eltern, Erwachsene, Senioren – konzipiert und angeboten werden können und sich nicht fortlaufend starr auf eine Altersgruppe beschränken müssen.
Fünf Monate lang kam ich Woche für Woche mit Freude in die Stadtbibliothek, band motiviert mein medienpädagogisches Geschick in die Bibliotheksangebote mit ein und genoss die Zeit mit den Kolleginnen und Kollegen. Die Begeisterung für diese Arbeitsstätte konnten meine Familienangehörigen, Freunde, Kommilitonen und Bekannte recht schnell erkennen. Denn wie ganz selbstverständlich bauten sich in meinen alltäglichen Sprachgebrauch kollegiale Floskeln ein, wie etwa „bei uns in der Bibliothek…“ oder „nächste Woche haben wir…“

Deshalb sage ich heute nicht „Lebwohl“ und lasse die Tür der Stadtbibliothek endgültig hinter mir zufallen – Netzwerke (in Bibliotheken) schaffen gehört schließlich zur professionellen Medienpädagogik dazu –, sondern verabschiede mich mit einem: „Auf Wiedersehen!“.
Euer Leonhard





Hinterlasse einen Kommentar